Kindergeschichten vorlesen: Wie viel Realität ist gesund?

Kindergeschichten vorlesen: Wie viel Realität ist gesund?

Soll der Originaltext vorgelesen werden oder ist „political correctness“ wichtiger? – das war die Frage, über die man sich zuletzt den Kopf zerbrochen hatte. Hintergrund war die Ankündigung einiger Verlagshäuser, kritische (d.h. diskriminierende) Begriffe aus klassischer Kinderliteratur zu entfernen. Ihre Sorge: Das Vorlesen dieser inzwischen nicht mehr akzeptierten Worte könnte den Sprachschatz junger Buchfreunde negativ beeinflussen.

Paul Maar

Selbstverständlich holte man zu diesem heiklen Thema auch die Meinungen bekannter deutscher Schriftsteller ein. So äusserte z.B. „Sams“-Autor Paul Maar in einem Interview, einzelne Wörter abzuändern sei vertretbar, ganze Textpassagen an heutige Vorstellungen anzupassen, ginge hingegen zu weit. Er selber achte zwar auch darauf, beim Vorlesen bestimmte Abschnitte auszusparen, es hänge aber ganz vom individuellen Entwicklungsstand des Kindes ab, wie viel man ihm zutrauen könne.

Die perfekte Conni vorlesen, oder doch lieber die autonome Pippi?

Dass Bücher gerade jungen Lesern als moralischer Leitfaden dienen sollen, wird auch an anderer Stelle deutlich, wenn in diversen Blog- oder Forenbeiträgen über das fragliche Frauenbild der Janosch-Geschichten, die autoritären Erziehungsmethoden im Struwwelpeter oder die Brutalität der Grimmschen Märchen debattiert wird – natürlich stets verbunden mit der Aussage „Das kann ich meinen Kindern doch nicht vorlesen!“. Mindestens genauso verhasst ist demgegenüber aber die heile Welt von Conni. Hier wiederum ist alles zu „perfekt“: Conni lebt in einer Familie mit klassischer Rollenverteilung, was aus Sicht kritischer Eltern ein veraltetes Weltbild idealisiert. Dass sie alles bekommt, was sie sich wünscht und jede Herausforderung mit Bravour meistert, stößt den Erwachsenen übel auf. Etwas realistischeres, was das lesende bzw. dem Vorlesenden zuhörende Kind auch auf die Probleme des Lebens vorbereitet, ist gewünscht.

Pippi Langstrumpf

Jürgen Banscherus, geistiger Vater des Kinderdetektivs „Kwiatkowski“, berichtet, dass aber Kinder- und Jugendbücher mit sozialkritischen Elementen bei den Verlagen nur schwer zu platzieren seien. In seinen Büchern lege er darum immer Wert darauf, dass der Leser über die Geschichten sowohl weinen als auch lachen kann. Selbst die „berühmteste Kinderbuchautorin der Welt“, Astrid Lindgren, hatte von Beginn an mit Skepsis zu kämpfen, als sie die Geschichte eines autark lebenden Mädchens veröffentlichte. „[M]anche Menschen waren ja sehr entrüstet und sagten, sowas kann man die Kinder nicht lesen lassen. Aber alle Kinder sagten Ja zu dem Buch […]“, erzählte sie vor inzwischen mehr als 10 Jahren in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Laut Schriftstellerkollege Erich Kästner läutete Pippi eine Revolution ein. Der Erfolg gibt ihm Recht: Bis heute gehört Pippi zu den am liebsten vorgelesenen Kinderbüchern.


Bildnachweise:
https://flic.kr/p/aix2p3
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/56/PaulMaar1010068.JPG
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/92/Pippi_Langkous_in_Nederland_1_%28crop%29.jpg

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