Vorlesen und Kinderbücher im Wandel der Zeit

Vorlesen und Kinderbücher im Wandel der Zeit

In unserem ersten Blogartikel wollen wir Euch auf eine Reise durch die Geschichte des Vorlesens und der Kinderbücher mitnehmen. Schon Peter Rosegger hat gesagt: „Ein Kind ist ein Buch, aus dem wir lesen und in das wir schreiben sollen.“ Aber wie sieht es mit Büchern für Kinder aus?

In vielen Familien ist es damals wie heute eine schöne Gewohnheit, dass Mutter oder Vater dem begeistert lauschenden Nachwuchs die buntesten Geschichten vorlesen. Doch wenn ich „damals“ schreibe, wann genau meine ich?

Entstehung der Kinderliteratur im Zeitalter der Aufklärung

Familie beim Vorlesen und Musizieren

Wenn wir heute in diversen Klatschblättern Fotos der achtjährigen Suri Holmes sehen, die in Stöckelschuhen und Minirock an der Hand von Mama Katie durch New York stiefelt, schütteln wir nur verständnislos den Kopf. Bis ins 18. Jahrhundert war es jedoch ganz normal, Kinder als „kleine Erwachsene“ zu behandeln. Erst im Zeitalter der Aufklärung begriff man, dass Kinder die Welt mit anderen Augen sehen. Vor allem Rousseaus Werk „Emile oder Über die Erziehung“ (1762) entwarf eine neue Vorstellung von Kind und Kindheit. Die erste Literatur speziell für Kinder entstand. Im Gegensatz zu heutigen Geschichten, die beim Vorlesen unterhalten und Spaß machen sollen, winkten die ersten Kinderbücher vorwiegend mit dem moralischen Zeigefinger und wurden als Erziehungshilfe genutzt.

19. Jahrhundert

Um die Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert fand die Romantik Einzug in die Kinderliteratur, so dass es dort bald vor Fabelwesen und Märchenfiguren wimmelte. Aber nicht nur die Bücher wurden liebevoll illustriert, sodass die kleinen Buchliebhaber beim Vorlesen auch die hübschen Bilder bestaunen konnten, auch vom Kind an sich wurde ein neues Bild gezeichnet. So betrachtete man den Nachwuchs nun als reines, unschuldiges Wesen.

StruwwelpeterIm Jahr 1844 kam es zum ersten Umbruch und zur Veröffentlichung des bis heute wohl umstrittensten deutschen Kinderbuches: Der hessische Kinderarzt Heinrich Hoffmann wollte seinem Sohn ein Bilderbuch zu Weihnachten schenken, war von der Auswahl jedoch nur mäßig begeistert und schrieb darum kurzerhand selber eines: den „Struwwelpeter“! Zur Freude (oder zum Leidwesen ;)) der kleinen Bücherwürmer steht Hoffmanns Werk auch heute noch in beinahe jedem Buchregal und wird gerne vorgelesen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entdeckten Schriftsteller zusehends die Freude am reinen Erzählen: Mit der Veröffentlichung von „Tom Sawyer“ durch Mark Twain (1876) erhielt die Kinderliteratur ihren ersten realistischen Helden, der weder satirisch noch moralisierend war. Speziell für Mädchen entwickelte sich die sogenannte „Backfischliteratur“, deren berühmtestes Beispiel „Der Trotzkopf“ von Emmy von Rhodens (1885) ist. Jungen wie Mädchen entdeckten durch das Vorlesen dieser spannenden Geschichten, die der reinen Unterhaltung dienten und ohne erzieherische Hintergedanken auskamen, ihre Leidenschaft für Bücher und wurden zu Lesebegeisterten.

20. Jahrhundert bis heute

Mit zunehmender Alphabetisierung herrschte zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine harsche Zivilisationskritik, die sich bereits in Werken wie „Heidi“ (Johanna Spyris, 1882) und dem „Dschungelbuch“ (Rudyard Kiplings, 1894) angekündigt hatte. Die Neue Sachlichkeit zeichnete ein Bild der Großstadt, das geprägt war von sozialen Problemen wie Geldsorgen oder Trennungsängsten. Vorreiter der neuen Kinderliteratur war Erich Kästner, dessen Romane im Jahre 1933 aufgrund ihrer angeblichen Unmoral von den Nationalsozialisten verbrannt wurden. Einzig sein Erstlingswerk „Emil und die Detektive“ (1928) überlebte und wird bis heute auch schon im Schulunterricht jüngerer Klassen vorgelesen.

BücherDie kommenden Jahrzehnte waren düstere Jahre für Deutschland, die geprägt waren von Krieg und Terror und den Wunsch nach einer Fluchtmöglichkeit in die autonome, nicht so radikal realistische Welt der Bücher weckten. Bei „Pippi Langstrumpf“ (Astrid Lindgren, 1944), „Die kleine Hexe“ (Otfried Preußler, 1957) und „Oh wie schön ist Panama“ (Janosch, 1978) fand die kindliche Seele Schutz und Trost.

Im Jahr 1980 schaffte es Michael Endes „Unendliche Geschichte“ als erstes Kinderbuch in die Spiegel-Bestsellerliste. Das junge Genre der Kinder- und Jugendliteratur hatte laufen gelernt.


Bildnachweise:
https://pixabay.com/de/kinderb%C3%BCcher-b%C3%BCcher-durcheinander-684473/
Biblioteca General Antonio Machado (CC BY 2.0), https://flic.kr/p/7ibp7D
Marco Tränsel (CC BY-SA 2.0), https://flic.kr/p/7WJHQe
https://www.pexels.com/photo/colorful-books-on-shelf-5710/

 

Um Kommentare verfassen zu können, musst Du eingeloggt sein.
Unsere Webseite verwendet Cookies, um einen besseren Service zu bieten. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich hiermit einverstanden.  Mehr Informationen